Jewgether | Bringing Jewish people together

Koschere Sofas weltweit

Koschere Sofas weltweit
Von Sonja Hartwig
5. Januar 2010

Für die jüdischen Studenten Tamir, Doron und Boaz ist ihre Religion nicht mehr als ein Ritual. Dennoch wollen sie mit Jewgether.org Juden auf der ganzen Welt vernetzen.
Der Student Tamir Einy hat mit Freunden die Website Jewgether.org gegründet
Der Student Tamir Einy hat mit Freunden die Website Jewgether.org gegründet

Dass am Sabbat für gläubige Juden Ruhepause ist, merke man auch an den niedrigen Klickzahlen, sagt Tamir Einy, 22. Knapp 600 Mitglieder hat seine Community Jewgether.org, eine Online-Bettenbörse nur für Juden. Aber nur rund 40 von ihnen sind von Freitagabend bis Samstag online.

Tamir, Student der Ingenieurwissenschaften am Technion in Haifa, betet zwar jeden Sabbat, hält sich ansonsten aber nicht strikt an die Regeln seiner Religion. Er wurde säkular erzogen, ist in keiner Gemeinde. Dennoch ist die Religion für ihn unverzichtbares Ritual, ein Zeichen der Zusammengehörigkeit, vor allem außerhalb Israels. Und er trägt einen Teil dazu bei.  Die Idee für Jewgether.org entsprang weniger feurigen Idealen oder einer religiösen Mission als pragmatischen Überlegungen: Als er im Sommer 2008 mit Freunden einen Road-Trip von San Francisco entlang der Westküste der USA unternahm, suchten sie einen Schlafplatz im kalifornischen Santa Cruz. Sie kamen zu einer Synagoge, eine Familie lud sie spontan zum Sabbatessen ein. Zusammen saßen sie um den Abendbrottisch, die Eltern und ihre Kinder, die zwar nur gebrochen Hebräisch sprachen, aber alles über Israel wussten. Sie tranken Wein und redeten die ganze Nacht. Das Erlebnis hat Tamir nicht vergessen.

2008 begann er mit einer studentischen Projektgruppe an dem Konzept einer jüdischen Reise-Community zu tüfteln. Anfangs waren 20 Studenten beteiligt, sie gründeten eine Jewgether-Gruppe auf Facebook, die schnell mehrere hundert Mitglieder hatte. Doron Samish, 25, der in Tel Aviv Philosophie studiert, zweifelte an der Idee, stritt sich stundenlang mit Tamir: Warum nur für Juden? Müssen wir uns wirklich so ausschließen? Kapseln wir uns nicht immer mehr ab? Doch Doron ließ sich überzeugen, neben Tamir wurde er zu einem der Gründer von Jewgether.org. Zusammen mit Boaz, einem weiteren Freund, arbeiteten sie weiter an ihrer Idee und akquirierten Spenden von jüdischen Organisationen. Im Juni dann der Launch – und trotzdem: Skepsis blieb.

Doron versendete den Jewgether-Link an sein gesamtes Adressbuch, darunter auch an eine arabische Freundin. Ein Versehen, sagt er, für das er sich sofort schämte. Wie hatte er so unaufmerksam sein können, sie über diesen exklusiven Club zu informieren, der ihr ohnehin verschlossen bleibt? "Es tut mir so leid, Ema, dass ich dir diese Mail weitergeleitete habe." Ihre Antwort kam prompt: "Was ist das Problem?" Erst durch ihre Frage habe er verstanden, dass eine exklusive Seite für Juden nicht ausgrenze, sondern für Ausgegrenzte eine Heimat sei, ihnen die Wahl eröffne, ein jüdisches Haus fern der Heimat zu finden.

Unter den 600 Mitgliedern sind Orthodoxe und Säkulare, aus Israel und aus der Diaspora, hebräische Muttersprachler und die, die erst die Schriftzeichen lernen mussten. So wie André Levi Israel, 21, aus Düsseldorf. Seine Küche, liest man auf der Jewgether-Seite, ist koscher, Fleisch gibt es gar nicht, in seinem Kühlschrank stehen nur Milchprodukte. André ist am Institut für jüdische Studien immatrikuliert, er besucht Vorlesungen an einer religiösen Schule der jüdischen Gemeinde und spricht fließend Jiddisch.

Schon länger wollte er im Ausland von Couch zu Couch surfen, hatte aber ein mulmiges Gefühl, dabei auf Menschen zu stoßen, die mit seiner Religion, seinen Ritualen ein Problem haben, ihn als Exoten sehen. Im Sommer reiste er dann durch Israel, übernachtete bei Fremden in Jerusalem und Be'er Sheva, die er nur durch ihr Jewgether-Profil kannte: köstliches Essen und grandiose Gastfreundschaft, resümiert er.

Aber kann Couchsurfing nicht mehr leisten? Sollten mit einem Gastfreundschaftsnetzwerk nicht auch Grenzen überschritten werden? Was wäre mit einem gemeinsamen Projekt für Araber und Juden? "Ich hätte nichts dagegen, aber uns geht es um das Kleine, das Vertraute: Sich überall auf der Welt zu Hause zu fühlen", sagt Tamir. Boaz, der dritte Mann, der gerade durch Mittelamerika reist und in San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt Honduras, nach einer jüdischen Herberge sucht. Er schreibt: "So gerne ich würde, wegen meines israelischen Passes kann ich in viele arabische und sogar viele muslimische Länder wie Indonesien und Malaysia nicht reisen: Eine Seite für Juden und Araber – das ist ein Traum. Und eines Tages wird er wahr werden."


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